• Das Kabel, das aus dem Rapsfeld kam

    Ganz unvermittelt taucht es auf, das Kabel

    Ganz unvermittelt taucht es auf, das Kabel

    Diese Woche war eine Woche voller Wunder: Vorgestern Morgen scheuchten der (angeleinte) Hund und ich ein Reh auf, das entweder nicht so schreckhaft war wie andere Rehe oder unseren Geruch nicht wahrnehmen konnte, weil der Wind aus der falschen Richtung kam. Jedenfalls blieb es in nicht allzu großer Entfernung stehen, obwohl es uns sehen musste. Wir beobachteten uns gegenseitig eine Weile, bevor jeder von uns wieder seines Weges ging (okay, okay, der Hund hätte vermutlich einen anderen Weg gewählt).

    Gestern, am Nachmittag, entdeckte ich auf dem Asphalt des Landwirtschaftsweges ein kurzes silbergraues Seil, das am Morgen noch nicht dort gelegen hatte. Ich trat darauf zu, und in das vermeintliche Seil kam Bewegung. Seitlich schlängelte sich eine Blindschleiche ins nahe Gras. So schnell war sie verschwunden, dass meine Kamera nur noch die zitternden Grashalme aufnehmen konnte.

    Abends, im Garten, hörten wir ganz in unserer Nähe Frösche quaken. Da die Weserwiesen nach wie vor überflutet sind, sind die Frösche vom toten Weserarm dorthin umgezogen. Nur blicken ließen sie sich leider nicht.

    Und heute Morgen habe ich das größte Wunder von allen fotografiert: das Kabel, das aus dem Rapsfeld kommt. Dieses Kabel ist nicht neu, es streckt sein vorwitziges Ende schon seit ein paar Jahren in die Luft, doch jedes Mal, wenn ich daran vorbeigehe, frage ich mich, was es wohl für eine Funktion hat. Denn dort, wo es unvermittelt in die Landschaft ragt, gibt es nichts als Äcker, Wiesen und Feldwege.

    Schon seit Jahren sinniere ich, ob hier eine Telefon-, Elektrizitäts- oder Sonstewas-Gesellschaft einen kleinen Fehler begangen haben könnte. Man kann sich ja mal zwei, drei Kilometer in der Adresse irren. Oder ob vielleicht jemand mit dem Kabel sein Feld unter Strom setzen wollte. Kann ja sinnvoll sein, Rehen, Schnecken und sonstigem Getier leichte Elektroschocks zu versetzen, damit diese nicht die ganze Ernte abfressen. Womöglich hat sich das Kabel auch selbstständig gemacht, ist einfach mal – im Gegensatz zum Hund – seines Weges gegangen und hat sich dabei verlaufen. Oder aber es handelt sich um den Ausläufer einer unterirdischen Lebensform, die sich – ähnlich einem Pilzgeflecht – immer weiter verzweigt, um in nicht allzu ferner Zukunft die Weltherrschaft zu übernehmen.

    Jedenfalls bin ich sehr vorsichtig, was dieses Kabel angeht. Ich habe es bislang nicht berührt, habe nicht vor, es jemals zu tun, und lasse auch den Hund nicht in seine Nähe. Vielleicht ist das übertrieben, vielleicht sogar ein bisschen verrückt. Doch solange ich die Funktion dieses Kabels nicht kenne, gehe ich auf Nummer sicher.

    Nachtrag (7. Juni): Heute war ich mutig und habe das vermeintliche Kabel berührt. Es ist eine Begrenzungsmarkierung. Wie enttäuschend!

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