• Andeuten ist besser als vorkauen

    Nicht mehr nur eine Andeutung ....

    Nicht mehr nur eine Andeutung …

    Vielleicht geht es ja einigen anderen ähnlich wie mir: Ich hasse es, wenn Bücher mir alles noch so Naheliegende vorkauen. Wenn sich der Eindruck aufdrängt, mir als Leserin wird unterstellt, ich könne nicht selbst denken. Wenn mir die Autorin oder der Autor alles erklärt, was ich mir auch selbst zusammenreimen kann – nein, was ich mir selbst zusammenreimen möchte.

    Leider gibt es immer wieder Bücher, in denen das immer wieder passiert. Mit einem Großteil von ihnen verfahre ich ausgesprochen ungnädig: Ich klappe sie zu, um sie nie wieder zu öffnen. Auch die Autorin bzw. der Autor hat bei mir verspielt. Bis zum Gegenbeweis, dass sie oder er anders kann.

    Ich mache mal an einem Filmbeispiel klar, was ich meine:

    Im Klassiker „Casablanca“ mit Humphrey Bogart als Café-Besitzer Rick und Ingrid Bergman als seiner Verflossenen Ilsa kommt es immer wieder zu Szenen, die zeigen, dass die beiden sich nach wie vor lieben. Dass sie nie über ihre Trennung hinweggekommen sind. Doch über eine längere Filmstrecke sagt das keiner von den beiden direkt. Nur ihre Blicke, ihre Gesten und das Unausgesprochene in ihren Worten lassen uns wissen, dass Ilsa Ricks große Liebe ist und umgekehrt. Und gerade das macht einen großen Teil des Zaubers aus. Denn das Filmpublikum braucht keine Worte, um zu erkennen, was los ist. Es sieht es ja.

    Nicht alles zerreden

    Genau das sollten wir auch beim Schreiben bedenken: Nicht alles, was gesagt werden könnte, muss auch gesagt werden. Nicht alles müssen wir erklären oder in Worte fassen. Oft reichen Andeutungen aus. Das bedeutet jedoch, dass diese (oft nur kleinen) Schilderungen möglichst exakt sein müssen, um beim Publikum genau die Wirkung zu erzielen, die erzielt werden soll.

    Ein Beispiel: Ein Junge mag ein Mädchen. Hat aber Angst vor einer Abfuhr. Klar könnte man jetzt etwas schreiben wie „Er mochte sie, hatte aber Angst es ihr zu sagen“. Doch das ist verdammt platt. Und außerdem nicht glaubwürdig, es ist ja nur so dahingesagt. Viel schöner ist es, die Gefühle des Jungen zu zeigen. So vielleicht:

    Vorsichtig sah er zu ihr hinüber. Sie schaute auf, fing seinen Blick. Oh, diese Augen! Halt! Nur nicht zu lange hinsehen. Schnell wieder zur Erde blicken. Verdammt, jetzt war er bestimmt rot geworden. Hoffentlich hatte sie es nicht bemerkt.

    Kopfkino!

    Bei denjenigen, die eine solche Passage lesen, spielt sich durch die kurze Schilderung vor dem inneren Auge ein Film ab. Sie wissen, was Sache ist, ohne es direkt gesagt zu bekommen. Gleichzeitig schlüpfen sie in den Kopf des Protagonisten. Das ist übrigens einer der großen Vorteile einer geschriebenen Geschichte. Im Film müssen sich die Gedanken der Figuren auf den Gesichtern der Akteure widerspiegeln, in einem Buch können Leserinnen und Leser in ihre Köpfe hineinsehen. Trotzdem ist es, wie in der kurzen Szene oben, nicht unbedingt nötig, dass die Figur ihre Gedanken genau ausformuliert, also z. B. „Ich liebe sie, aber ich bin unsicher, ob es ihr genauso geht“ denkt (davon mal abgesehen, dass die wenigsten Menschen so denken würden). Es reicht aus, die Gedankensplitter aufzuschreiben, die der Junge in genau dem Moment haben könnte, in dem er das Mädchen ansieht.

    Ein anderes Beispiel:

    Ein kleines Mädchen hört, wie seine Eltern sich streiten. Kurz darauf betritt der Vater den Raum und wäscht sich seine Hände. Das Mädchen sieht, dass etwas Rotes von seinen Händen ins Waschbecken tropft. Etwas später betritt die Mutter das Zimmer. Sie lächelt zwar, aber ihre Augen blicken traurig. Außerdem hat sie ein Pflaster im Gesicht.

    Wer eine solche Szene schreibt, kann sicher sein, dass sie von denjenigen, die sie lesen, richtig interpretiert wird. Ohne direkt sagen zu müssen, was passiert ist. Durch die Andeutung wirkt das Ganze übrigens wesentlich eindrücklicher und bleibt länger im Gedächtnis. Denn die Leserinnen und Leser können mitdenken. Und Mitdenken macht Freude. Ganz bestimmt!

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2 Responsesso far.

  1. Anette sagt:

    Den Fehler habe ich am Anfang gemacht – viel zu viel erklärt. Wenn mir etwas wichtig war, wollte ich nichts dem Zufall überlassen. Aber meine treuen und ehrlichen TestleserInnen haben mir von Anfang an vermittelt: DAS GEHT GAR NICHT! Die Lektion war hart, aber inzwischen habe ich sie gelernt 🙂

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