• Der Passivist

    Ständig taucht in den Medien das Wort Aktivist auf: Von Umwelt-, Menschenrechts-, Friedens-, ja sogar von Bio-, Öko- und Online-Aktivisten ist da die Rede. Unter einem Aktivisten verstehen Nachschlagewerke einen zielstrebig Handelnden. Mir als Redakteurin jedoch fällt bei dem Wort „Aktiv“ sofort die Tätigkeitsform und – im Gegenzug – die sogenannte Leideform, das Passiv, ein. Und wenn es einen Aktivisten gibt, müsste es doch auch sein Gegenstück – den Passivisten – geben? Komisch, dass ich diesem Wort bis heute noch nicht begegnet bin. Denn es existieren bestimmt gar nicht so wenige Passivisten.

    Jedenfalls kann ich mir gut vorstellen, was ein Passivist so treibt. Vermutlich nicht viel, denn das Tun liegt ja nicht in seiner Natur. Stattdessen wird mit ihm etwas getan – er treibt nichts, er wird getrieben (nicht zu verwechseln mit „Er ist getrieben“!). Er wird morgens geweckt, ihm wird Frühstück serviert, er wird zur Arbeit gefahren (z. B. mit dem Bus oder der Bahn), dort wird ihm gesagt, was er zu tun hat (was nun wiederum überhaupt nicht seinem Ideal entspricht, doch genauso wenig wie ein Aktivist immer aktiv ist, kann ein Passivist ausschließlich passiv sein, nicht wahr?), anschließend wird er zu Hause vom Fernsehen berieselt.

    Wenn ich mir den letzten Absatz so anschaue, macht sich in mir das Gefühl breit, dass sogar viel mehr Passivisten als Aktivisten auf der Welt leben. Ist es denn nicht auch das Grundprinzip des Lebens, Kraft und Energie zu sparen? Umso merkwürdiger, dass dieses Wort bislang noch keinen Eingang in die Wörterbücher und Lexika gefunden hat. Liegt es vielleicht daran, dass niemand gern ein Passivist sein möchte? Jemand, dessen Leben weitgehend fremdbestimmt ist? Oder hat es etwa damit zu tun, dass man gar kein Passivist sein kann? Ein ausschließlich Erduldender, Abwartender?

    Doch auch Aktivisten sind ja nicht ständig aktiv – und trotzdem gibt es sie. Genauso wie es Aktiv und Passiv in der deutschen Sprache gibt und beide ihre Berechtigung haben. Meiner Meinung nach sollte es daher neben Aktivisten auch Passivisten geben. Schließlich sind die meisten Menschen, mich eingeschlossen, zwischendurch gerne mal Passivist. So ein faules Wochenende zum Beispiel hat doch was …

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2 Responsesso far.

  1. A. Weber sagt:

    Jeder ist bei irgendwas aktiv. Sei es der Taubenzüchterverein, die Modelleisenbahn oder das Schimpfen über die Politik am Wirtshaustisch. (Solche Foren gibt es trotz des Internets immer noch)
    Nur weil ich in der Wahrnehmung welcher „Aktivisten“ auCh immer in ihrem Interessenbereich nix mache, bin ich nicht passiv, sondern habe eben anderweitige Interessen. Wirklich passive Menschen wirst du nur wenige finden.

  2. Martin sagt:

    Passivisten gibt es zur Genüge, sie werden jedoch weitestgehend als Antriebslose oder Teilnahmslose bezeichnet, in der Medizin auch als Apathie bekannte, mögliche Begleiterscheinung einiger Krankheiten wie der Depression, aber auch bei vielen gesunden Menschen die keinen motivierenden Zweck der eigenen Existenz finden.

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