• Eine Sache der Perspektive

    Ein Perspektivwechsel ist nicht immer leicht

    Ein Perspektivwechsel ist nicht immer leicht

    Die Fährte war frisch. Sie roch würzig, köstlich. Nach wildem Herumtollen, Lebensfreude und grünem Gras. Die hohen Halme – die mit den Widerhaken – schlugen ihm ins Gesicht. Er schüttelte sich und rannte weiter, wie von einer Schnur gezogen. Seine Nase am Boden, machte er kurz darauf einen kleinen Schlenker nach links, dann einen nach rechts. Danach richtete er die Nase wieder auf die Spur. Hier irgendwo musste es sein. Sein Ziel. Seine Beute. Er hielt inne. Er konnte das Tier spüren. Vor Aufregung zitterte er am ganzen Körper. Dann ein Geräusch. Das schrille, hohe Pfeifen, das ihm befahl: „Dreh um, kehr zurück.“ Warum gerade jetzt? So nah am Ziel. Alles in ihm sträubte sich, doch er konnte nicht anders. Er musste gehorchen. Tat er es nicht, würde er es bereuen. Langsam drehte er sich um. Mit gesenktem Kopf trottete er zurück.

    „Waldi, wo bist du nur? Komm endlich bei Fuß.“

    Eine Situation aus einer völlig anderen als der gewohnten Perspektive zu erleben, macht einen großen Reiz des Schreibens aus. Ein Autor kann sich in andere Menschen hineinversetzen, unabhängig von seinem Geschlecht mal ein Mann, dann wieder eine Frau sein oder sich – wie in dem kleinen Textabschnitt oben – in ein Tier verwandeln. Er kann sogar zum Stein werden, wenn er das will. Großartig, oder?

    Hat er sich jedoch einmal für eine Perspektive entschieden, muss er ganz eng bei ihr bleiben. Ein Stein zum Beispiel kann sich nicht allein von der Stelle bewegen, sich nicht aus eigener Kraft auf den Weg ins Abenteuer machen. Will man aus der Perspektive eines Steins schreiben, der wilde Abenteuer erlebt, braucht man Helfer. Z. B. jemanden, der den Stein wortwörtlich ins Rollen bringt oder ihn in die Tasche steckt. Wobei die erste Variante sicher reizvoller ist als die zweite, denn wenn der Stein sich in der dunklen Tasche befindet, kann er nur beschreiben, wie er im Dunkeln herumrollt, nicht weiß, was ihm geschieht, und sich fürchtet. Wird er jedoch fortgerollt, ist auch ein Stein in der Lage, uns seine Sicht der Umwelt mitzuteilen.

    Das bedeutet auch: Wer aus einer bestimmten Perspektive schreibt, kann nur schildern, was er aus dieser beobachtet oder fühlt. Schreibe ich beispielsweise aus der Sicht eines Kindes mit dreckigen Fingern, darf ich nicht sagen: „Lisa wischte sich mit dem Zeigefinger übers Gesicht. Zurück blieb ein schwarzer Streifen, der sich über Nase und Wangen zog.“

    Lisa sieht sich selbst nämlich nicht. Sie könnte sagen, was sie fühlt, wenn sie sich mit ihrem Zeigefinger übers Gesicht fährt, und warum sie genau das tut. Aber sie würde niemals den Dreck in ihrem Gesicht beschreiben. Und sie würde natürlich ganz anders denken und sprechen wie ein Erwachsener. Oder ein Hund. Oder ein Stein. Auch darauf muss ein Autor sich einstellen, der in eine andere Haut schlüpft. Er muss versuchen, genauso zu denken, zu reden und zu handeln, wie die Person, deren Haut er trägt.

    Bei einem Stein mag das noch einfach sein, denn niemand weiß, wie ein Stein reden würde (oder habt ihr schon mal einen reden gehört? Ja? Dann aber hopp, hopp zum Arzt.). Ich kann mir also etwas ausdenken. Doch wenn ein Kind plötzlich redet oder denkt wie ein Erwachsener, wird die Geschichte unglaubwürdig. Wer also nicht sicher ist, wie sich jemand verhält, dessen Perspektive er beim Schreiben einnehmen möchte, sollte genau zuhören und gut beobachten. Oder aber eine andere Perspektive wählen. Denn besser eine Perspektive, die man gut ausfüllen kann, als eine, die nicht glaubhaft wirkt.

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