• Es war einmal ein Apostroph …

    Finde den Fehler.

    Finde den Fehler.

    Der Apostroph ist schon ’ne arme Sau. Er wird missbraucht und geschunden, rächt sich dafür aber manchmal bitterlich. Nein, nein, ich meine jetzt nicht die Fälle wie „Karl’s Kraftfutter“ oder „Ina’s Haarstudio“, in denen er so gemein das „S“ vom Rest des Wortes abtrennt. Das ist seit ein paar Monaten gestattet. Zumindest vom Duden, der gegen die gelegentliche Verwendung des Apostrophs in diesen Fällen nichts einzuwenden hat (vorher wären ausschließlich „Karls Kraftfutter“ und „Inas Haarstudio“ richtig gewesen). Der Rat für deutsche Rechtschreibung, die zentrale Instanz für Fragen der Rechtschreibung, ist da jedoch strenger: Er gestattet die Benutzung des Apostrophs in diesen Fällen nach wie vor nur, falls es sonst zu Missverständnissen kommen kann. So erlaubt der Rechtschreibrat die Schreibweise „Carlo’s Brillenladen“, um klar zu machen, dass der Laden einem „Carlo“ und keinem „Carlos“ gehört. Der Brillenladen eines Carlos hingegen würde nach wie vor  „Carlos’ Brillenladen“ heißen, weil der Apostroph immer dann ans Ende eines Wortes gesetzt wird, wenn Namen auf S-Laute (s, ss, ß, tz, z, x, ce) enden und im Genitiv* verwendet werden.

    Go, apostrophe, go

    Warum hat sich der Duden entgegen dem Rat des Rechtschreibrats (Rat ist ein schönes Wort, gelle?) entschieden, den Apostroph bei „Karl’s Kraftfutter“ nicht mehr als falsch einzustufen? Ganz einfach: Weil wir ihn mittlerweile aus dem Englischen gewöhnt sind. Dort muss der Apostroph im Genitiv nämlich vor dem „S“ gesetzt werden. Es heißt dort z. B. „Sally’s dog“ und nicht – wie im Deutschen – „Sallys Hund“. Im Falle von Sallys Hund würden übrigens Deutschlehrer nach wie vor einen Fehler anstreichen, würde das End-S im Diktat durch Apostroph von der ganzen Sally abgetrennt. Kompliziert? Naja, vielleicht ein bisschen. Denn, wie gesagt, gestattet der Duden den Apostroph gelegentlich. Meine Interpretation: Er akzeptiert den Apostroph zähneknirschend (oder besser „blätterraschelnd“?), wenn es sich um Werbeschilder oder Ähnliches handelt.

    Abgetrennt und abgehängt

    Im ganz normalen Sprachgebrauch darf sich das Genitiv-S jedoch weiter dem Wort zugehörig fühlen, dem es angehängt ist. Wär ja sonst auch voll fies für das arme Genitiv-S. Es könnte sich ungeliebt fühlen, die Lippen spitzen und sich – ein trauriges „Hänschen klein“ pfeifend – vollständig vom Rest des Mutterschiffs, äh -worts abkoppeln. Wie traurig! Dann hieße es nämlich nur noch „Karl Kraftfutter“ statt „Karls Kraftfutter“. Und dann würden Menschen, die Karl nicht kennen, ihn mit „Herrn Kraftfutter“ ansprechen. Wollen wir das? (Hey, das ist keine rhetorische Frage: Ich will jetzt ein ganz lautes „Nein“ hören.)

    Alle Räder stehen still, wenn der Apostroph es will

    Doch nicht nur das arme Genitiv-S kann einem leid tun. Auch der Apostroph ist ein armer Willi. Er muss nämlich immer häufiger ran. Er wird mittlerweile gern auch dort eingefügt, wo er sich gar nicht wohlfühlt. Zum Beispiel sieht man, dass er manchmal bei Wörtern wie „Autos“ oder „Cocktails“ das „S“ am Ende abtrennen und dafür sorgen muss, dass es sich nicht mehr um Autos oder Cocktails, sondern nur noch um ein Auto bzw. einen Cocktail handelt. Verdammt traurig für den armen Apostroph, aber auch für die Verkäufer dieser Dinge, deren Umsatz er schmälert.

     

    Aus der Mehrzahl macht der Apostroph ’ne Einzahl.

    Aus der Mehrzahl macht der Apostroph ’ne Einzahl.

    Aber es gibt auch ausgleichende Gerechtigkeit. Erst neulich habe ich ein Plakat gesehen, das auf Englisch für „Henrys Underwater World“ warb. Dort hatte der geschundene Apostroph endlich mal Pause. Doch wer weiß? Vielleicht hat er sich auch nur gesagt: „Ich hab die Nase voll, ich hab so viel gearbeitet, jetzt fahr ich in den Urlaub“, ohne das jedoch seinen Arbeitgebern mitzuteilen. Verstehen könnte man ihn. Es ist nur schade, dass er gerade hier eine Auszeit genommen hat. Im Englischen wäre er nämlich an der richtigen Stelle gewesen.

    * Kurzer grammatikalischer Zwischenruf: Der Genitiv ist der zweite Fall der deutschen Grammatik. Er gibt die Antwort auf das Fragewort „wessen“ (Wessen Brillenladen ist es? Die Antwort lautet dann entweder „Karls“, „Carlos“ oder „Carlos’“ und hier bitte – mit Ausnahme eines Namens wie Carlos – immer ohne Apostroph).

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