• Tatsächlich Kitsch?

    Kitschig oder nicht?

    Kitschig oder nicht?

    Viele Menschen, die etwas schreiben, das länger ist als der Einkaufszettel und netter zu lesen als die Steuererklärung, stellen sich irgendwann die Frage, ob das, was sie schreiben, kitschig ist. Kitsch, das ist eine abwertende Bezeichnung für all das, was als zu schwülstig, zu übertrieben emotional und damit auch als „irgendwie“ unecht gilt. Und kitschig schreiben möchte eigentlich niemand.

    Absätze wie

    Er trat aus dem Zelt. Seine zerrauften Haare wehten im heißen Steppenwind, auf seinen Wangen glitzerten Tränen wie kostbare Diamanten. Elga, seine einzige Geliebte, hatte ihren letzten Atemzug getan. Eben noch hatte er ihre zarten Hände gehalten. Nun waren sie kalt und er und sein treues Ross Hottehü wieder allein.*

    rufen – bis auf das Hottehü vielleicht – bei vielen Lesern und Leserinnen einen Würgereiz hervor. Allein der Vergleich der Tränen mit kostbaren Diamanten und die Tatsache, dass die zarten Hände der Geliebten nun erkaltet sind, wirken schnell lächerlich. Vor allem, da der Text aus dem (nicht vorhandenen) Zusammenhang gerissen wurden. Denn wäre dieser Absatz Bestandteil einer längeren, spannenden Geschichte, vielleicht sogar ihr tragischer Höhepunkt, könnte es durchaus sein, dass man ihn – mit Ausnahme des Hottehüs – mitnichten als lächerlich empfindet. Denn Leser oder Leserinnen stecken oft viel zu sehr im Geschehen, als dass sie eine solche Szene zwingend als kitschig empfinden.

    Kitsch = Geschmackssache

    Okay, das obige Beispiel ist nun wirklich ein wenig überzogen. Doch letztlich ist es immer auch Geschmackssache, was jemand als kitschig empfindet. Männer z. B. sind in der Regel schneller dabei, etwas für Kitsch zu halten, nur weil es Gefühle hervorruft. Vor allem, wenn es sich um traurige Szenen handelt. Das mag daran liegen, dass immer noch viele von ihnen lernen, ihre Gefühle möglichst zu verbergen. Rührt sie dann doch mal etwas, tun manche es rasch als Kitsch ab – eine Entschuldigung, um sich darüber lustig zu machen und zu lachen, anstatt zu weinen.

    Doch natürlich gibt es auch Männer, die zu ihren Gefühlen stehen, und Frauen, die sich so verhalten, wie gerade beschrieben. Wie auch immer: Kitsch liegt im Auge des Betrachters.

    In manchen Situationen tut Kitsch sogar gut. Zum Beispiel Filme, die wie ein Karamellbonbon sind: klebrig und süß. Mit Schokolade auf dem Sofa zu liegen, einige Tränchen zu verdrücken und am Schluss erleichtert aufzuseufzen, weil sich das Traumpaar doch kriegt, ist hin und wieder einfach nur schön (finde ich jedenfalls).

    Der innere Kitschdetektor

    Für Autoren soll Letzteres zwar keine Aufforderung sein, möglichst kitschig zu schreiben, aber sich ständig darüber Gedanken zu machen, ob das, was man schreibt, zu kitschig ist, ist ebenfalls übertrieben. Folgende Fragen helfen, den inneren Kitschdetektor richtig zu justieren:

    – Ruft die Szene, die ich geschrieben habe, bei mir selbst Emotionen hervor?
    – Kann ich mit meinen Figuren mitfiebern, mitleiden und mich mitfreuen?
    – Handeln und reden meine Figuren nachvollziehbar?

    Kann ich all diese Fragen guten Gewissens mit Ja beantworten, bin ich als Autor in aller Regel nicht ganz auf dem Holzweg, sprich: Zu kitschig werden meine Texte nicht sein.

    Wichtig ist aber auch, dass man zu dem steht, was man geschrieben hat. Gut ist, wenn man sagen kann: Für mich fühlt es sich richtig an, was ich geschrieben habe, selbst wenn andere es als kitschig empfinden.

    Übrigens lassen sich sogar Szenen, die zu kitschig erscheinen, „entkitschen“. Schauen wir uns z. B. den Absatz von oben noch mal an. Streicht man ein paar Adjektive und unnötige Details, ist das Ganze längst nicht mehr kitschig:

    Er trat aus dem Zelt. Auf seinen Wangen glitzerten Tränen. Elga hatte ihren letzten Atemzug getan. Eben noch hatte er ihre Hände gehalten. Nun waren sie kalt.

    * Damit niemand verzweifelt nach der Quelle dieses Absatzes sucht: Ich habe ihn mir ausgedacht.

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