• Der Serienmörder im Autor

    Manche Menschen behaupten, man könne nur über das schreiben, was man kenne. Angesichts der Beliebtheit von Thrillern bezweifele ich diese Aussage. Ich gehe stark davon aus, dass nicht jeder Autor, der über Serienkiller und womöglich noch aus ihrer Perspektive schreibt, selbst ein wahnsinniger Serienmörder ist – und halte mich dabei noch nicht einmal für naiv. Denn wäre die Aussage allgemeingültig, könnten Science-Fiction- oder Fantasy-Autoren gleich mal einpacken. Das Auenland? Gibt es nicht, deshalb kann man nicht drüber schreiben. Städte auf dem Mars? Gibt es noch nicht, deshalb … dito.

    Die menschliche Fantasie lässt sich nun mal nicht so einfach einsperren oder ausschalten – zum Glück.

    Trotz allem hat die These, dass man nur über das schreiben kann, was man kennt, einen wahren Kern. Denn alle Geschichten, die erzählt werden, haben auch immer einen Bezug zu uns und unseren Gefühlen.

    Die Geschichte von Frodo, der den Meisterring ins Land Mordor bringen und vernichten muss, ist nicht allein deshalb so spannend, weil sie in einer unbekannten Welt spielt, sondern vor allem, weil sie von Angst, Mut, Selbstüberwindung und Freundschaft in schlimmen Zeiten handelt. Das Gleiche gilt für Harry Potter, für „Es“ von Stephen King oder auch für „Vom Winde verweht“, wobei hier Freundschaft durch Liebe und Verlust zu ersetzen ist.

    Vereinfacht gesagt: Es sind die großen Gefühle, die uns an eine Geschichte fesseln. Und diese großen Gefühle können im Auenland genauso stattfinden wie auf dem Mars.

    Jeder Mensch, ob klein oder groß, kennt diese Gefühle. Zwar verändert sich im Lauf des Lebens die Art, wie wir sie wahrnehmen – einige werden wichtiger, andere sind weniger präsent –, doch jeder kann nachvollziehen, was die Hauptfiguren einer Geschichte empfinden. Jedenfalls wenn es dem Autor gelingt, ihre Gefühle stark und gut zu beschreiben.

    Vermutlich gelingt das dann am besten, wenn der Autor sich in seine Geschichte hineinversetzt, sie lebt und mit seinen Figuren mitfiebert. Man muss es vielleicht nicht so übertreiben wie Karl May, der zwischenzeitlich angeblich selbst nicht mehr so genau zwischen sich und Old Shatterhand unterscheiden konnte. Aber ein bisschen vom Autor findet man wohl in allen Figuren – womöglich auch im Serienkiller.

    Man muss also nicht alles kennen, worüber man schreibt. Manchmal verstellt das sogar den Blick auf das Wesentliche. Wie sangen doch vor Jahren schon „The Waterboys” in „The whole of the moon“? „Jahrelang durchwanderte ich die Welt, während du daheim in deinem Zimmer warst. Trotzdem sah ich nur die Sichel des Mondes, du dagegen den Vollmond.“

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