• Klischees beim Schreiben – ein erstes Mal

    Der blaue Himmel, ein Klischee? Aber nicht mit einem Kreuz aus Kondensstreifen!

    Der blaue Himmel, ein Klischee? Aber nicht mit einem Kreuz aus Kondensstreifen!

    Ich heiße Simone, und ich habe geschummelt. Im Rahmen meines Experiments, 2014 jeden Monat etwas zum ersten Mal zu machen. Ich habe im Mai zwar etwas zum ersten Mal gemacht, aber nicht so richtig zum ersten Mal.

    Ihr merkt schon. Ich mag mit der Sprache nicht so recht rausrücken. Doch mir bleibt wohl nichts anderes übrig.

    Also gut. Ich habe einen Schreibworkshop gehalten. Nicht zum ersten Mal. Aber: Ich habe zum ersten Mal einen Schreibworkshop über Klischees gehalten.

    Ach, verdammt. Genug mit der Herumdruckserei! Wir machen einfach einen Deal. Ich erzähl euch auch etwas über Klischees beim Schreiben. Dafür vergesst ihr, was ich eben übers Schummeln geschrieben habe. Dann habt ihr was davon und ich auch. Also abgemacht. (Was habʼ ichʼs gut. Hier kann mir ja keiner widersprechen …)

    Was sind Klischees?

    Klischee – dies Wort klingt schon fies. Sagt jemand von einem Text, er sei voller Klischees, ist das eine Ohrfeige für den Text und natürlich auch für den Menschen, der den Text geschrieben hat. Doch was sind Klischees eigentlich?

    Für die meisten Menschen ist ein Klischee etwas, das sie schon gefühlte 1000-mal so oder ähnlich gesehen, gehört oder gelesen haben. Etwas, das vorhersehbar ist. Das kann eine Figur sein (der edle Wilde), eine Handlung (Held wird in allerletzter Minute gerettet) oder auch eine abgenutzte Ausdrucksweise (sein Gesicht wurde rot wie eine Tomate).

    Klischee = öde?

    Man könnte leicht meinen, weil sie vorhersehbar sind, seien Klischees immer langweilig. Und deshalb sollten alle Menschen, die schreiben, am besten einen großen Bogen um sie machen oder beim Überarbeiten alle Klischees aus ihrem Text streichen. Doch verallgemeinern lässt sich das nicht. Finde ich jedenfalls.

    Denn Klischees sind manchmal nötig. Um mit wenigen Worten genau das Bild im Gegenüber hervorzurufen, das man selbst vor Augen hat. Ein Beispiel: Eine Nebenfigur, die für den Fortgang der Geschichte zwar nötig ist, aber keine größere Rolle spielt, darf meiner Meinung nach durchaus klischeehafte Züge tragen.

    Die neugierige Nachbarin im Treppenhaus z. B., die ein für die Geschichte wichtiges Gerücht streut, muss nicht in all ihren Facetten charakterisiert sein, nur damit sie weniger klischeehaft daherkommt. Sie kann ruhig das Abziehbild der Lindenstraßen-Else-Kling sein, die natürlich schon aufgrund der vielen Lindenstraßenfolgen längst nicht so eindimensional geblieben ist, wie ich es jetzt darstelle, aber trotzdem das Klischee der im Treppenhaus lauernden Nachbarin ganz gut beschreibt. Denn fast jeder verbindet mit dem Namen Else Kling ein ganz bestimmtes Bild. Und wenn das Gerüchtestreuen alles ist, wofür ein Autor die Nachbarin braucht, reicht ein solches Bild für den Fortgang der Geschichte aus.

    Von sprachlichen Klischees und klischeehaften Handlungen

    Auch sprachliche Klischees sind nicht immer schlecht, denn originelle Bilder oder Redewendungen können nerven, kommen sie zu geballt vor. Der Grund: Vieles, was originell ist, wirft einen beim Lesen aus dem Lesefluss. Kommt das zu oft vor, werde zumindest ich irgendwann sauer und wünsche mir ein paar abgedroschene Floskeln. Die glänzen und glitzern dann zwar vielleicht nicht so, wie es originelle sprachliche Einfälle täten, aber wenigstens bremsen sie mich beim Lesen nicht aus.

    Und was klischeehafte Handlungen angeht: Bei Romanen aus einem bestimmten Genre erwarte ich, dass sie so enden, wie ich es gewohnt bin. So wäre ich bei einem Horrorroman mit einer sympathischen Heldin und einem unglaublich bösen Gegenspieler z. B. sauer, wenn die Geschichte kein gutes Ende nähme. Das heißt zwar nicht zwingend, dass die Heldin überleben muss, aber der Böse sollte durch ihren Opfertod wenigstens in seine Schranken gewiesen werden. Stirbt die Heldin und der Böse siegt, dann pfefferʼ ich das Buch in die Ecke.

    Okay, okay, es gibt ein paar Romane, bei denen ich das nicht tun würde, doch die sind die Ausnahme. Etwa, weil sie so gut geschrieben sind oder aber das Ende unausweichlich ist und ein anderes Ende partout nicht angemessen gewesen wäre. Doch normalerweise möchte ich bei solchen Büchern schon, dass sie so ausgehen, wie ich es mir wünsche. Dass sie also ein klischeehaftes Ende im weitesten Sinne haben.

    Ich jedenfalls bin nicht sauer über klischeehafte Enden, wenn mich der Autor auf dem Weg dorthin immer wieder überrascht. Wie schon Konfuzius sagte: Der Weg das Ziel. (Und ich durfte endlich mal Konfuzius zitieren.)

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