• Kurze Sätze, lange Sätze – Satzlängen und ihre Wirkung

    Lesen gefährdet die Dummheit, trotzdem sollten Autoren an die Satzlänge denken.

    Schreiben auch!

    Bei Filmen haben sich die Sehgewohnheiten in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. So wurden noch in den 1970er Jahren die meisten Filme viel langsamer erzählt als heute. Bestes Beispiel sind die Weihnachtsvierteiler wie „Zwei Jahre Ferien“, „Die Schatzinsel“, „Michael Strogoff“ und natürlich „Der Seewolf“, die sich Zeit ließen, um die Geschichte zu entwickeln. Heute dominieren bei populären Filmen schnelle Schnitte und viel Action.

    Das Gleiche gilt für Bücher (und bevor jemand aufschreit: Ja, natürlich gibt es Ausnahmen). Die Sätze sind heute im Regelfall kürzer, genau wie die Beschreibungen. So habe ich vor einiger Zeit mal wieder „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende gelesen, eines der Lieblingsbücher meiner Kindheit, und festgestellt, dass es relativ lange dauert, bis die Geschichte an Fahrt aufnimmt, und dass auch die Sätze vergleichsweise lang sind. Ich gestehe, ich war davon geradezu irritiert, weil ich mittlerweile anderes gewohnt bin.

    Trotzdem: Auch wenn sich die „gewohnte“ Erzählweise geändert hat, haben natürlich auch längere Sätze und Beschreibungen nach wie vor ihre Berechtigung. Denn unterschiedliche Satzlängen erzielen häufig unterschiedliche Wirkungen.

    Stakkatosätze

    Er rannte. Drehte sich nicht um. Sein Atem ging stoßweise. Würde er es schaffen? Seine Verfolger holten auf. Er konnte es hören.

    Wirkung: Kurze, manchmal auch unvollständige, aneinandergereihte Sätze erhöhen das Tempo der Geschichte. Besonders geeignet für spannende Szenen. Doch Vorsicht: Zu viele Stakkatosätze machen die Leser entweder zu atemlos oder die Leser stumpfen nach einiger Zeit ab.

    Bandwurmsätze

    Sie wanderte den Weg entlang, wobei ihr die Blumen, auffielen – rote, grüne, gelbe, blaue; jede Farbe war vertreten –, und sie erinnerten sie an ihn und die Sträuße, die er ihr immer gebracht hatte, die großen, prachtvollen Blumensträuße, die er nur für sie gedacht hatte, für sie allein, so hatte er es zumindest immer gesagt.

    Wirkung: Lange Sätze verlangsamen das Erzähltempo, sorgen für eine gewisse Gemächlichkeit. Zu viele sehr lange Sätze nacheinander können jedoch auch zu einer gewissen Ermüdung führen. Schließlich muss man sich bei langen Sätzen stärker auf den Text konzentrieren als bei kurzen. Andererseits gibt es auch viele lange Sätze, die sehr gut lesbar sind. Dabei handelt es sich meistens um Sätze, in denen dort Kommas gesetzt wurden, wo auch ein Punkt hätte stehen können.

    Schachtelsätze

    Der Hund lag auf der Wiese, einen Knochen vor sich, der augenscheinlich von einem größeren Tier stammte, das vermutlich erst vor Kurzem gestorben war.

    Wirkung: Schachtelsätze wie dieser sind relativ kompliziert, da sich fast jeder Nebensatz auf einen anderen Teil des Satzes bezieht. Sie verlangsamen das Lesetempo stark und erschweren den Leseprozess. Man sollte sie mit Bedacht einsetzen – und nur dort, wo es unbedingt nötig ist. Eines sollte man aus Gründen der Verständlichkeit jedoch auf alle Fälle vermeiden: Einen Satz auseinanderzureißen, sodass ein Teil erst sehr viel später folgt. Beispiel: „Er hatte einen Knochen, der augenscheinlich von einem größeren Tier stammte, das vermutlich erst vor Kurzem gestorben war, vor sich.“

    Sätze von mittlerer Länge

    Der Hund lag auf der Wiese, die von roten, blauen und gelben Blumen übersät war.
    Sie wanderte den Berg hinauf, wo sie Hermann traf, den Einsiedler.
    Sie setzte sich auf den Stuhl, und er nahm neben ihr auf dem roten Sofa Platz.

    Wirkung: Sätze mittlerer Länge bestehen meistens aus einem Haupt- und ein oder zwei Nebensätzen oder auch zwei Hauptsätzen. Sprachwissenschaftler haben herausgefunden, dass der mittlere Wert für die Satzlänge in Romanen bei rd. 13 Wörtern liegt, Dialoge nicht eingerechnet. Sätze dieser Länge sind gut verständlich und wirken weder zu gemächlich noch zu atemlos.

    Dialoge

    „Was guckst du so?“, fragte sie.
    „Ich gucke doch gar nicht.“

    Sätze in Dialogen sind im Allgemeinen höchstens mittellang. Der Grund: Sie wirken sonst unglaubwürdig. Die meisten Menschen reden in vergleichsweise kurzen Sätzen. Andererseits lassen sich Personen natürlich auch durch ihre Sprechweise charakterisieren. So darf ein Professor ruhig längere und auch komplizierte Sätze benutzen, wenn es seinem Wesen entspricht.

    Was sich daraus ergibt

    Jede Autorin, jeder Autor sollte stets im Hinterkopf haben, welche Wirkungen sich allein durch die unterschiedlichen Längen von Sätzen erzielen lassen. Natürlich kann man auch spannende Szenen mit langen Sätzen erzählen – etwa, indem diese in erster Linie aus Hauptsätzen bestehen –, und Beschreibungen in kurze Sätze packen, jedoch sollte man ruhig mal zwei Versionen ein und derselben Szene schreiben, um die Wirkung kurzer und langer Sätze zu vergleichen. Und sich dann für die Szene entscheiden, die den Ton des Erzählten besser trifft.

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8 Responsesso far.

  1. Schöne Darstellung von der unterschiedlichen Wirkung der verschiedenen Satzlängen. Ein wenig erstaunt war ich, dass Hermann der Einsiedler ein rotes Sofa hat. Aber vielleicht gehören die Sätze gar nicht zusammen – doch bei mir im Kopf hatte sich gleich eine Geschichte geformt. Bitte um Fortsetzung!
    Dass die Sätze kürzer werden, gerade im Genre Kinderbuches, und es weitaus weniger beschreibende Stellen gibt,fiel mir auch auf, als vor vielen Jahren meiner Tochter die Michel-Bücher vorlas, und äußerst erstaunt feststellen musste, wie lange Sätze und beschreibende Passagen dort zu finden waren und ich fragte mich mit einiger Bestürzung, ob wir unseren Kindern heutzutage zuwenig zumuten.

    Das gerade war übrigens das Satz-Modell „Thomas-Mann-schreibt-Blogkommentar“ 🙂

    • Stimmt, Hermann hat kein rotes Sofa (oder vielleicht doch? Für Gäste? Mal überlegen …). Es sind mehrere Beispiele, äh – sollen es wenigstens sein 🙂 .

      Ich hatte die „Unendliche Geschichte“ nämlich auch vorgelesen. Und bin teilweise ganz schön außer Atem gekommen. Das Kind war aber begeistert. Geht also noch.

  2. Leidgenossen zwischen Krummer Lanke, Reichstag und Gedächtniskirche: „Lesen jefährdet die Dummheit? Vielleicht trifft dit für die Unvabesserlichen zu. Kenn´ Se den Song ,Debededehakape`? Scherz beiseite, Humor uff ´n Tüsch!“
    Jedenfalls erinnern die Beiträge von Frau Harland wieder mal an das, was man beim Schreiben oft falsch macht – hilfreich sind die Satzbeispiele. Z. B.: „Sie wanderte den Weg entlang, wobei ihr die Blumen, auffielen – …“
    Gerade bei Bandwurm- und Schachtelsätzen entdeckt man oft die Liebe zu Adjektiven. Was Lektoren oder Literatur-Agenten eigentlich wissen müssten, transportieren sie kaum Inhalt. Dennoch verwenden sie sie: „Wir freuen uns über das wunderschöne Kurz-Exposé in der schönen Schriftart „Palatino Linotype“. Oder: „Viele schöne Grüße von K. Schlapphut aus dem wunderschönen Koblenz.“ Ich habe versucht, mir die Schönheit eines Grußes vorzustellen – es ist mir nicht gelungen. Man will ja nicht gleich an den Letzten denken, der mit ´ner Schleife dekoriert ist. Meine Biertischmeinung: Der Mail-Beantworter hat eine schöne nette Ader.
    Selbst in großen Verlagen bzw. Konzernen lektorierte Texte weisen elementare Mängel auf. Ich kenne namhafte Schriftsteller, die in ihren Werken auch Sätze bis zur Nordseiten-Länge verfassen.
    Ich selbst halte mich gern an die variante `mittlere Länge`: „Der Hund lag auf der Wiese, die von roten, blauen und gelben Blumen übersät war.“ Als Tierfreund schaltet sich bei mir gleich das sogenannte Kopfkino ein …

  3. Entschuldigung! Korrektur 4. Zeile von unten: Normseitenlänge anstelle Nordseiten…
    (Thomas W. Schmidt, 13. 07. 15, 10:00)

  4. Ritter sagt:

    Guten Tag Frau Harland! Hier mal ein Stakkato-Beispiel – Kombination mit normaler Satzlänge. Findet man oft bei Reimen:

    Alles für die Katz

    Ein Dichter schrieb Gedichte,
    schöne Schlichte,
    (…)

    (Aus „Leidgenossen zwischen Krummer Lanke, Reichstag und Gedächtniskirche“, AAVAA-Verlag)

    • Hallo, ich habe das vollständige Gedicht aus urheberrechtlichen Gründen aus dem Kommentar entfernt. Nachzulesen ist es jedoch unter diesem Link. Ich hoffe, Sie verstehen das.

      • Ritter sagt:

        Eigentlich ist alles in Butter, wenn die Quelle angeführt ist. Mit dem Urheber gibt´s da keine Probleme. Gefällt Ihnen das Gedicht?
        Schön wäre es, wenn sich mehr Leser beteiligten – ´n bisschen dünn von 05/2014 bis heute. Es gibt noch viele Texte, die man hier einstellen könnte.
        Z. B.: textliche ,Missgriffe` auch lektoratsseitig entstanden.

        • So einfach ist das nicht. Auch wenn die Quelle angeführt ist, kann nicht jeder alles überall veröffentlichen – die Urheber können klagen, wenn mehr als ein kurzes Zitat veröffentlicht wird, das übrigens auch noch relevant für die Diskussion oder für die Argumentation sein muss. Deshalb bin ich da sehr vorsichtig (Ausnahme sind gemeinfreie Texte. Da muss die Autorin/der Autor aber wenigstens 70 Jahre tot sein).

          Einstellen könnte man hier sicher vieles. Was ich jedoch mit Absicht nicht mache: reale Beispiele verwenden. Denn ich will niemanden bloßstellen – weder Autorin noch Lektor.

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