• Reifennest

    Wohin es so manchen Autoreifen verschlägt ...

    Wohin es so manchen Autoreifen verschlägt …

    Reifen sind auf dem Land allgegenwärtig: Autoreifen, Fahrradreifen, Treckerreifen – sie alle finden nach Beendigung ihres herkömmlichen Lebenszyklus weitere Verwendung. Meist als Silage-Beschwerer*. Manchmal jedoch auch als Spielplatzschaukel oder anderes Spielgerät (zwar entgegen dem Rat des Umweltbundesamts, aber so ist das (Reifen-)Leben nun mal).

    Ich möchte nicht wissen, wie viele Reifen allein in solch einem kleinen Ort lagern, wie dem, in dem ich lebe. Schließlich ist diese Art der Reifenentsorgung günstig. Sonst bezahlt man für einen einzigen Pkw-Reifen leicht 2,50 Euro, will man ihn loswerden – und muss ihn unter Umständen sogar noch selbst abtransportieren. (Zur Ehrenrettung der Landwirte muss ich jedoch hinzufügen, dass immer weniger von ihnen weitere Reifen brauchen.)

    Bei jedem Hochwasser nun spült der Fluss Reifen weg, die ungünstig lagen. Gleichzeitig sorgt er immer auch für Ersatz, indem er neue alte anschwemmt. Mancher Reifen, der hier anlandet, hat seine Reise vermutlich bereits in Hannoversch Münden angetreten und könnte – wenn er könnte – viel erzählen: von der Wucht des Wassers, das ihn die Weser hinabgetrieben hat, von den Weserfischen, die ihm mit ihren Flossen zugewinkt haben, als er an ihnen vorüberschwamm, und vom Weserschlamm, der in seinen Rillen haftet.

    Und manche möchten endlich ein neues Leben beginnen. Wie der Reifen, dem ich neulich begegnet bin. Er hat sich in einer Weide am Fluss niedergelassen. Zwischen zwei Stämmen hat er es sich gemütlich gemacht. Mit sich gebracht hat er jede Menge Treibgut – kleine Zweige und Grashalmbüschel, die ihm beim Aufenthalt in ungewohnter Höhe Gesellschaft leisten. Fehlt nur noch ein Schild mit der Aufschrift „Zimmer frei“, das vorbeifliegenden Vögeln signalisiert: Hier findet ihr ein gemachtes Nest. Ich war schon versucht, eins aufzustellen. Doch ich habe es lieber gelassen. Schließlich könnte sich der Reifen bereits beim nächsten Hochwasser erneut auf Wanderschaft begeben. Man kennt ja seine Pappen-, äh Gummiheimer …

    * Anmerkung: Silage – das sind die großen, mit schwarzer Plane abgedeckten Haufen, die am Ende oder Anfang fast jeden Dorfes zu finden sind. Meistens handelt es sich dabei um – von Treckerreifen – platt gefahrenes Gras oder geplätteten Mais. Das Ganze (mit Ausnahme von Plane und Reifen natürlich) darf zunächst gären, dann verfüttern es die Landwirte an ihr Vieh.

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