• Kamikaze-Ente

    Der kleine, weiße Punkt auf dem Wasser: Das ist die Ente.

    Der kleine, weiße Punkt auf dem Wasser: Das ist die Ente.

    Entenvögel sind gesellig. Wer schon einmal eine Ente aufgeschreckt hat, weiß genau das spätestens in dem Augenblick, in dem ihm mehrere weitere um die Ohren geflogen sind.

    Was jedoch, wenn eine Ente keine Artgenossen hat, die mit ihr zusammenleben? Mit denen sie ihre Entensorgen und -nöte teilen und bei Bedarf auch gründeln kann? Kein Problem! Sie sucht sich einfach jemanden, der passen könnte. Unabhängig davon, ob der ein ententypisches Aussehen hat oder nicht.

    Gestern, der Hund und ich drehten am Flussufer unsere Runde, begegneten wir einer dieser Enten. Sie visierte uns bereits aus der Ferne an, paddelte auf uns zu und stürzte sich einige Meter vor uns aus dem Wasser.

    Da stand sie nun: eine kleine, weiße, verwilderte Hausente, die sich auch durch den zunehmend aufgeregter werdenden Hund nicht abschrecken ließ. Naja, eigentlich stand sie nicht nur da, sie kam näher. Das wiederum überraschte den Hund. Mich auch. Zum Glück reagierte ich reflexartig. Bevor die Ente den Hund küssen konnte, rief ich ihn zu mir, und wir gingen weiter. Ich weiß zwar nicht, um wen ich in dieser Situation größere Angst hatte – um die Ente oder den Hund –, doch dass die beiden Freundschaft schließen würden, schloss ich aus.

    Die Ente muss jedoch anderer Ansicht gewesen sein. Auf ihren Entenfüßen, die im Vergleich zum Rest des Körpers groß und infolgedessen schwierig zu kontrollieren sind, lief sie hinter uns her. Dabei schwankte sie so stark, dass ich schon befürchtete, sie würde gleich umkippen. Das tat sie selbstverständlich nicht, sondern sie setzte unsere Verfolgung zielstrebig fort.

    Jetzt wurde mir langsam mulmig. Was würde die Ente tun, wenn sie uns einholte? Würde sie uns den Rest des Weges begleiten? Würde sie uns bis nach Hause folgen und mit ihrem Schnabel so lange an die Haustür pochen, bis wir sie endlich einließen? Und wie würde der Hund reagieren? Schließlich wäre so eine frische Ente ja mal eine willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan …

    Die Fragen wurden nie beantwortet. Denn nach einer Weile gab die Ente auf. Sie sah uns noch eine Zeit lang nach, dann kehrte sie aufs Wasser zurück. Langsam watschelnd, in sich zusammengesackt und mit hängendem Kopf, so als ob die Enttäuschung, wieder allein zu sein, sie übermannt (oder sollte ich besser sagen: überentet?) hatte.

    In diesem Augenblick tat die kleine Ente mir richtig leid. Am liebsten hätte ich kehrtgemacht, meine Arme ausgebreitet und sie als neuestes Mitglied in unsere Familie aufgenommen. Doch die Vernunft siegte: Das Risiko, dass eine Begegnung mit dem Hund für die Ente, naja, sagen wir mal nicht ganz so gut endet, wollte ich nicht eingehen. Obwohl mir schien, als ob der Ente persönlich das egal gewesen wäre. Hauptsache, sie bliebe nicht länger allein.

    Post Tagged with ,

3 Responsesso far.

  1. […] kleine Ente, die aus Einsamkeit sogar vor Bekanntschaften mit Hunden nicht zurückschreckt (siehe Kamikaze-Ente), sucht immer noch verzweifelt nach Gleichgesinnten. Neulich sah es so aus, als hätte es endlich […]

  2. […] schmalen Weg, der am toten Arm der Weser entlang führt. Es handelt sich bei der Ente übrigens um die, die lange Zeit sehr einsam war und sogar bei Hunden Anschluss suchte. Anschluss hat sie nun gefunden. Nämlich bei ihrer Freundin, […]

  3. […] einsame kleine Ente und die auf einem Hof in der Nähe lebende Gans wurden nicht nur Wegelagerer, wie hier beschrieben, […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.